Die Laudatio für Klaus Mertens von Prof. Dr. Michael Maul

Anlässlich der Verleihung des Sächsischen Mozartpreises an Klaus Mertens im Rahmen der Eröffnung des 34. Sächsischen Mozartfestes „geHört“ am 23. Mai 2025 in der Kreuzkirche Chemnitz Prof. Dr. Michael Maul, Intendant des Bachfests Leipzig, die Laudatio:

Geschätzte Honorationen, verehrtes Publikum, vor allem aber: lieber Klaus Mertens,
„Musica habe ich allezeit lieb gehabt. Sie ist eine halbe Disciplin- und Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder und sanftmüthiger, sittsamer und vernünftiger macht. Wer diese Kunst beherrscht, der ist guter Art und zu Allem geschickt. Deshalb muss man Musica in den Schulen behalten. Ein Schulmeister muß singen können, sonst sehe ich ihn nicht an!“
Liebe Chemnitzer Mozart-Gemeinde – das ist doch mal ein Statement! Zwar hat es schon 500 Jahre auf dem Buckel, denn es stammt aus den Tischreden von Martin Luther. Aber: Ich wollte es unbedingt an den Beginn meiner Laudatio stellen, weil es tagesaktueller kaum sein könnte. Denn Luthers Charakterisierung der Musik, ihrer positiven Wirkung auf uns Menschen und sein Bekenntnis zum Schulmeister, zum Lehrer, der in der Schule unbedingt auch singen müsse und damit seine Schüler wenigstens für einen Augenblick gelinde, sanftmütig, sittsam und etwas vernünftiger macht – nun all diese schönen Eigenschaften kann unser Laureat für sich beanspruchen. Und ich bin mir sicher, lieber Klaus, hätte Martin Luther heute die Laudatio auf Dich gehalten, er hätte sehr wahrscheinlich in die gleiche Kerbe geschlagen.
Denn: Die Parallelen zwischen jenem Idealbild, das Luther vom braven, gottesfürchtigen Schulmeister zeichnet, und Deiner eigenen Biographie sind nicht zu übersehen, im besonderen wenn wir uns die Anfänge Deiner einzigartigen Karriere vergegenwärtigen: Als Du im Jahr 1949 am 25. März – ich vermute, vier Tage nach dem für dich eigentlich vorgesehenen Termin – in Kleve am Niederrhein das Licht der Welt erblicktest, war Dir die Karriere als Musiker keineswegs an der Wiege gesungen. Dein Großvater, ein Handwerker und musikalischer Autodidakt, soll es gewesen sein, der Dir, dem Kläuschen, das Singen und überhaupt die Musik näher brachte. Und das war schnell – liebe Mozartgemeinde – nicht die Musik seines heutigen Haus-Gottes Johann Sebastian Bach, sondern diejenige von Wolfgang Amadeus Mozart. Zum Schulanfang ist Deine so ziemlich erste Schallplatte Mozarts Krönungsmesse gewesen. Und diese frühe Begegnung mit Mozart krönte das Kläuschen damit, dass er sich nach dem Abitur nach Köln begab, um dort tatsächlich Gesang zu studieren, allerdings gewissermaßen nur auf einem Bein. Denn: Ebenso hatten Dir Dein Vater und die innere Vernunft verordnet, dass Du Dich zugleich UND VOR ALLEM noch einem zweiten Studium widmen müsstest, nämlich demjenigen des Lehramtes, also des Schulmeisters, Fächer: Deutsch, Religion und Musik. Weil: Von der schönen Kunst allein könne man ja unmöglich leben!
Lieber Klaus, als Du mir das erzählt hast, musste ich unwillkürlich an einen anderen Komponisten denken, dem Du Dein Leben lang ebenfalls immer wieder Deine Stimme geliehen hast und von dem der schöne Satz stammt: „Singen ist das Fundament von allen Dingen!“. Ich rede von Deinem Hausgott Nummer 3: Georg Philipp Telemann. Der kam einst, als 20-jähriger zum Studieren nach Leipzig – und hatte seiner Mutter zuvor steif und fest versprochen, sich ganz dem Jura-Studium zu widmen, um irgendwann mal ein ordentlicher Geheimrat zu werden und die Musik bestenfalls als ein Nebenwerk zu betreiben. Telemanns fester Vorsatz hielt keine vier Wochen. Du aber erfülltest konsequent den Wunsch Deines Vaters, studiertest in Köln brav und vorbildlich Lehramt – und hast es irgendwie doch hinbekommen, zugleich jeden Abend lauschend im Opernhaus zu sitzen und an den Sonntagen unzählige Mozart-Messen in den Kölner Kirchen mit Deinem sanften Bass zu adeln. Und nach geradlinig beendetem Studium wurdest du flux, mit 25 Jahren Staatsbeamter, sprich: Lehrer und nach vier Jahren bereits Schuldirektor. In der Praxis hieß dies: Bis zum Nachmittag den Schülern Goethe, Beethoven und den Rosenkranz einzupauken, dann ab in den Flieger zum Konzert auf die Bühne der Berliner Philharmonie – und dann am nächsten Morgen auf die Schulbank zurück zu Schiller, Smetana und den Klageliedern Jeremia – das war Dein Doppelleben für ganze 13 Jahre.
Aber: Weil das Publikum Deine Stimme mindestens genau so liebte wie Deine Schüler den Lehrer Mertens, hast Du dann, mit 38 Jahren, den Schritt gewagt, den abgesicherten Beamtenstatus aufzugegeben und Dich fortan ausschließlich der Kunst zu widmen. Gottlob! Denn heute, 36 Jahre, unzählige Konzerte rund um den Globus und über 230 – oft preisgekrönte – CDs später, können wir alle Dir nur danken, dass Du damals diesen Schritt gewagt hast. Und ich bin mir sicher, auch Martin Luther, hätte es akzeptiert, dass Du, der singende Schulmeister, Dich letztlich doch ganz in den Dienst der Frau Musica gestellt hast.
Warum? Nun, damit kommen wir, wie ich finde, zum Kern der Sache – zum Kern des Phänomens, das Dich, lieber Klaus, so unverwechselbar macht. Ich habe Dir schnell, nachdem wir uns vor beinahe 15 Jahren persönlich kennengelernt haben, einmal gesagt: Lieber Herr Mertens, für mich sind Sie die personifizierte Stimme Martin Luthers: volksnah, wahrhaftig, authentisch, schnörkellos, mit einer kristallklaren Diktion und dem nie aufgesetzt wirkenden Gestus eines guten Predigers, der jede und jeden erreicht und sich dabei immer, wirklich immer, ganz in den Dienst der Sache stellt: Sprechend singen, singend sprechen – ja, genau so stelle ich mir Martin Luther, der seine Frau Musica so liebte, auf der Kanzel vor, nur dass der gewiss nicht mit einer so zauberhaften Stimme wie Du aufwarten konnte!
Lieber Klaus, und nun, bei unserem letzten Gespräch hast Du mir verraten, warum das alles so gekommen ist, und damit kommen wir der Genese des Phänomens Klaus Mertens vielleicht am besten auf die Spur: Als Du Deine erste Gesangsstunde an der Musikhochschule in Köln erhieltest, warst Du erst einmal ziemlich enttäuscht. Denn: Deine Lehrerin schickte Dich weg: Zu einem Schauspieler. Warum? Damit Du erst einmal korrekt sprechen lernst. Aber Du sagst selbst: Dieser Schritt erwies sich hintenraus als der vollkommen richtige pädagogische Ansatz. Denn genau diese intensive Sprecherziehung hat ganz maßgeblich dazu beigetragen, dass Du Dein persönliches Credo, Dein sängerisches Markenzeichen, entwickeln und so unglaublich überzeugend umsetzen konntest. Und dieses Credo lautet – ich denke, lieber Klaus, ich darf das hier verraten: „Man muss im Gesang die Dinge auf den Punkt bringen, ohne Firlefanz: sauber, ehrlich, gut!“
Ja, und genau, das setzt Du buchstäblich in jeder Note, die Deiner Kehle entweicht, um – sei es in den sämtlichen Bass-Partien Johann Sebastian Bachs, die Du mit Deinem kongenialen Musik-Bruder Ton Koopman, musiziert, aufgenommen und der staunenden Bach-Welt geschenkt hast, sei es in den unzähligen anderen Konzerten oder CDs mit Werken Telemanns, Händels, Schuberts, Loewes, Mozarts und und und. Dafür lieben und verehren Dich inzwischen mehrere Generationen von Musikkritikern und Musikliebhabern. Und dafür erhältst Du, mein lieber singender (by the way: noch immer katholischer) Martin Luther heute den Mozart-Preis der Sächsischen Mozart-Gesellschaft. Ein herzliches Dankeschön auch von mir zu dieser goldrichtigen Entscheidung, liebe Mozart-Freunde. Und vor allem: Einen ganz, ganz herzlichen Glückwunsch an Dich, lieber Klaus – Du hast so viele Menschen weltweit näher zur eigentlichen Essenz der großen musikalischen Meisterwerke gebracht, und wir alle wünschen Dir und uns von Herzen, dass Deine Stimmbänder noch lange diese Welt in schönste Schwingungen versetzen werden: ohne Firlefanz, sauber, ehrlich, gut!

Bild: v.l.n.r.: Dr. Franziska Dornig (zweite Vorsitzende der Sächsischen Mozart-Gesellschaft e.V., Klaus Mertens, Prof. Dr. Michael Maul
©Wolfgang Schmidt